Der Weg aus der Einsamkeit

 

Als Brisa nach Deutschland kam, startete ihre ziemlich steile Karriere zur unkontrollierbaren Jägerin. Es begann mit ihrer genauesten Überprüfung sämtlicher Zaunanlagen. Dann folgten die ersten Ausbrüche in die Nachbarschaft. Das alles erschien uns ganz normal, erklärte es sich doch mit ihrer Vorgeschichte als Straßenhund.  

 

Also versuchten wir ihr mit viel Mühe das 1 x 1 der Hundeerziehung beizubringen. Bei all diesen Übungen blieb ihre erhoffte Begeisterung leider aus. Das Leckerli-System verweigerte sie, Renn-Spiele langweilten sie und für meine Lieblingssportart Agility hatte sie vermeintlich wenig Talent.

 

Das Einzige, was ihr Herz scheinbar höher schlagen ließ, waren Wildtiere und Katzen. Aber auch das erschien uns total plausibel, denn schließlich haben wir es hier mit einem Windhundmischling zu tun. Nicht nur einmal wurde uns von hundeerfahrenen Personen gesagt, dass Windhunde schwer trainierbar und zum Teil auch nicht sehr intelligent seien und einen ausgeprägten Jagdtrieb haben.

 

Die folgenden Jahre kann man gut mit einem Ritt auf dem Pulverfass vergleichen. Wir konnten Brisa keine Sekunde aus den Augen lassen, ohne dass sie sich klammheimlich aus dem Staub machte. Sie beobachtete uns genau, täuschte uns gezielt und verschwand schließlich meist unauffindbar und ohne jegliche Erklärung. Da sag nochmal einer, Windhunde wären nicht intelligent. Die Spaziergänge wurden immer unentspannter.

 

Wir waren ständig auf der Hut vor Wildtieren, denn der Anblick dieser versetzte Brisa und uns in einen Ausnahmezustand. Sie tobte, zitterte, quietschte und schrie sich die Seele aus dem Leib. Wir hatten oft große Mühe, sie überhaupt an der Leine halten zu können. In einem Moment der Unaufmerksamkeit war ein Halten gar nicht mehr möglich und sie rannte samt Leine auf und davon.

 

Das gipfelte in Ausflügen von mehreren Tagen, die uns in ein ständiges Gefühlschaos zwischen Angst, Frust und Hoffnung versetzten. Kein einziges Mal kam sie alleine nach Hause. Wir verdanken es immer glücklichen Zufällen und zahlreichen Helfern, dass sie heute noch bei uns ist.

 

Brisa entfernte sich gefühlt immer weiter von uns. Suchte andere Räume auf, Liegeplätze fern ab von der Gruppe und im Garten konnte sie sich stundenlang unter den Sträuchern verkriechen. Zum Schluss schien sie gar nicht mehr zu uns und unseren anderen Hunden ins Haus zu wollen. Sie hatte sich den Stempel des Außenseiters und Einzelgängers hart erarbeitet.

 

Doch plötzlich kam die Wende. Ich besuchte das Seminar von Herrn Philipper. Danach hatte ich auf einmal ein Ziel: Ich werde mit unseren vier Hunden in völliger Entspannung spazieren gehen, OHNE ein unlösbares Leinenchaos oder ein ständiges Scannen der Umgebung nach Wildtieren, um die Hunde alle rechtzeitig kontrollieren zu können.

 

Also fingen wir an, die einzelnen Schritte Stück für Stück umzusetzen, was anfangs auf wenig Begeisterung stieß. Nicht nur bei den Hunden. Vor allem wir waren es, die schwer aus unserer Haut konnten. Hatten wir doch das Bild vom glücklichen Hund im Kopf, der stundenlang alleine im Garten laufen kann und eine Rundum-Beschäftigung in Form von Spiel, Spaß und Spannung braucht. Dass dies der größte Irrglaube war, zeigte sich von Woche zu Woche mehr.

 

Und besonders Brisa, als Vertreterin der Windhunde, bewies ein extrem ausgeprägtes Feingespür für unsere neue Art des Zusammenlebens und für die Vorteile, die sich für den Einzelnen daraus ergeben.

 

Sie kam quasi aus der Isolation mitten ins Herz. Ihr neues Motto "dabei sein ist alles" lebte sie von Tag zu Tag mehr.

 

Plötzlich macht sie Dinge, vor denen sie scheinbar immer Angst hatte, ohne Aufforderung. Katzen am Zaun sind nicht mehr wichtig und Rehe sind nett anzuschauen, aber kein Grund mehr loszuschießen und sie im schlimmsten Fall zu verletzen. Und das alles ohne Kontrolle, nur mit Vertrauen und Sicherheit.

 

Ich hätte sicherlich alles erwartet, aber nicht, dass man nur durch die Veränderung des eigenen Verhaltens Berge versetzen kann. Ein Training, dass ohne die zahlreichen Hilfsmittel wie Clicker, Leckerlies, Futterbeutel, Reizangel usw. auskommt, wäre für mich vorher undenkbar gewesen. Und am meisten freue ich mich über die gewonnene Freundschaft zu einem Hund, der eigentlich schon auf der "Ersatzbank" saß.

 

Danke Ulv und Maren Philipper

 

Anne Steiner