Ich selbst bin seit zwanzig Jahren Diabetikerin und habe gelernt, damit zu leben. Wenn aber bei dem eigenen Kind im Alter von sechs Jahren auch Diabetes diagnostiziert wird, dann sucht man nach jeder Hilfe, die man bekommen kann. So kam eine Straßenhündin aus einer griechischen Tötungsstation zu uns, um zu einem Diabetikerwarnhund ausgebildet zu werden. Sie war eine selbstbewusste und souveräne Hündin, die sich auf Griechenlands Straßen alleine durchgeschlagen hat. Als sie bei uns einzog ging ich relativ zeitnah mit ihr zur Diabetikerwarnhundausbildung in die Hundeschule, um dort die Anzeige von zu niedrigen Zuckerwerten zu lernen. 

 

Vegas war extrem engagiert und lernte wahnsinnig schnell. Nach nur zwei Wochen zeigte sie die erste Unterzuckerung bei mir an und nach ca. sechs Monaten brachte sie sich selber bei, auch zu hohe Werte anzuzeigen. Bei allen gemeinsamen Beschäftigungen war sie Feuer und Flamme. Da ich alles richtig machen wollte mit meinem ersten Hund, besuchte ich mit ihr in der Hundeschule weitere Kurse und ich brachte ihr mit Klickern, Leckerchen, manchmal mit Zischen, den Weg abschneiden, „lass dies“ und „mach das“ usw. über 40 Kommandos bei. Man sagte über uns, wir seien ein perfektes Team und mein Hund wäre wunderbar gehorsam. Geglaubt habe ich das damals auch.
Doch ihr anfängliches Engagement und Feuer nahmen immer mehr ab. Stückweise weitete sie die Entfernung zu mir auf unseren Spaziergängen immer weiter aus. Ich hatte hinterher vier oder fünf Kommandos alleine dafür, sie in meiner Nähe halten zu wollen.  Sie spielte nicht mit mir, sie kam nach und nach immer langsamer bei Rückruf und sie schaute mir nur ungern ins Gesicht.
Besonders frustrierend war es, dass das Anzeigen von Unter- und Überzucker immer unzuverlässiger wurde und nachts hat sie gar nicht mehr angezeigt. Je mehr Vegas sich zurückzog und sich von mir entfernte, desto mehr versuchte ich, mich interessanter zu machen – das war ja der Ratschlag der Hundeschule – und ich versuchte akribisch, das bereits trainierte Verhalten durch weiteres Üben wieder hervorzuholen.
Das alles machte es nur noch schlimmer und es gipfelte darin, dass Vegas, für mich völlig überraschend, eines Morgens in den Kanal sprang und versuchte eine Gans zu töten. Da diese anscheinend gesundheitlich angeschlagen war, wäre es meinem Hund auch fast gelungen. Eine Bekannte von mir sprang jedoch in voller Montur beherzt in den Kanal und  zog Vegas aus dem Wasser. Für mich war ein jagender Assistenzhund das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte.

 

An diesem Punkt war klar, dass es so nicht weitergehen konnte, aber erklären, warum sich alles so entwickelt hatte, konnte ich nicht.  So stieß ich bei meiner Internetrecherche auf Ulv Philipper. Im Netz las ich seltsame Geschichten, aber nichts Greifbares. Daher beschloss ich, sein Seminar zu besuchen, um mir ein eigenes Bild zu machen. Im Zweifel wäre ich einfach wieder nach Hause gefahren. Lernen wollte ich eigentlich nur diese beiden Pfiffe, um meinen plötzlich jagenden Hund wirklich von Wild abpfeifen zu können. Es sollte anders kommen, als ich es erwartet hatte.

Bei dem Seminar hatte ich einen Aha-Effekt nach dem anderen. Aus dem Gehörten ergaben sich so unendlich viele Fragen, da alles – wirklich alles – was ich bisher gelernt und gelesen hatte über das Verhalten und das Lernverhalten von Hunden – über den Haufen geworfen wurde. In meinem Kopf entstand vorübergehend ein Riesendurcheinander, jedoch waren die Erklärungen und Beschreibungen logisch und nachvollziehbar. Dinge, die mir in meinem Leben wichtig sind, mache mich mit vollem Einsatz und Herzblut.
Vieles habe ich vorher nicht hinterfragt und bin durch die Informationen der konventionellen Hundeschule in die völlig falsche Richtung gelaufen. Also begann ich mit Ulv Philipper im Einzelunterricht zu lernen. Für mich war der Weg nicht immer leicht, aber eine Alternative gab es nicht mehr. Bei Ulv Philipper ist Hinterfragen ausdrücklich erwünscht und ich bin auf diesem Weg an meine eigenen ganz persönlichen Grenzen gestoßen. Mein Wille und mein Durchsetzungsvermögen standen mir auf einmal im Weg.

Ich habe viel über mich gelernt und dadurch über meinen Hund und habe MEIN Handeln, meine Art Vegas Dinge zu vermitteln, geändert. Nun habe ich das erreicht, was ich mir immer gewünscht habe: Eine echte, tiefe, freundschaftliche und belastbare Verbindung zu meinem Hund.
Auf einmal hat mein Hund „die Handbremse gelöst“. Sie tobt mit mir, sie schaut mir durch meine Augen direkt in meine Seele. Für uns zwei Diabetiker in der Familie ist natürlich besonders wichtig, dass sie nun wieder mit Leidenschaft bei mir und bei unserem Sohn zu hohe und zu tiefe Zuckerwerte anzeigt –sie weckt mich sogar nachts! Da ich nach zwanzig Jahren Diabetes eine Wahrnehmungsstörung für Unterzuckerungen entwickelt habe, ist dies eine große Hilfe. Vegas ist keine Maschine, es kann natürlich passieren, dass sie eine Unter- oder Überzuckerung verpasst und einfach fest schläft, aber einen zusätzlichen „Scanner“ am Bett zu haben, der den Zucker mit überwacht, beruhigt ungemein.

Immer wieder kommt es vor, dass Vegas auch bei anderen Personen schlechte Zuckerwerte erkennt und anzeigt. Letztens hat „Frau Doktor Vegas" bei meinem Vater und auch bei einem unserer besten Freunde zu hohe Zuckerwerte angezeigt. Vegas hat gar kein Interesse mehr daran, mich vorzuführen. Ganz im Gegenteil, sie ist nun immer aufmerksam bei mir, wir können entspannt unserer Wege gehen. Gemeinsam! Ohne dass ich Angst haben muss, dass sie wegläuft, ohne dass ich auf sie aufpassen muss.
Es fühlt sich an, als wären wir durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden. Wenn rundherum die Situation mal stressig wird ( z.B. ein nicht geplanter Gang an einer Hundertschaft Polizei vorbei, die Fußballhooligans einkesseln) dann kommt Vegas sehr nah an mich heran, weil sie sich dort sicher fühlt und wir agieren als Einheit miteinander. Wie oft bin ich schon mit ihr los und erst unterwegs fällt mir auf, dass ich gar keine Leine dabei habe. 

Durch Vegas` Verhalten können wir sie überall mit hinnehmen, mit ihrer Kenndecke (die sie als Diabetikerwarnhund ausweist) auch in Museen, Schlösser oder auch mal mit auf eine Barkasse im Hamburger Hafen. Überall bekommen wir nur positive Rückmeldungen und die Menschen sind von unserem aufmerksamen und freundlichen Hund begeistert. Selbst bei Menschen, die normalerweise Angst vor Hunden haben, erobert Vegas mit ihrer ruhigen und unaufdringlichen Art die Herzen. 
Vegas ist ein gleichwertiges Mitglied unserer Familie und sie steuert mit Feuereifer ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten dazu bei. Sie ist halt unser „Engel auf vier Pfoten“! Für mich selber und für Vegas war es die beste Entscheidung unseres gemeinsamen Lebens, den alten Weg zu verlassen und uns nun auf Augenhöhe zu begegnen. Es gibt ein schönes Zitat von Ulv Philipper, das es auf den Punkt bringt: Ich sehe Dich und erkenne mich! 
Heike und Vegas, Dortmund 

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