Die Geschichte vom ignoranten Pinsch Pöbel

 

Auch wenn es mittlerweile schwer fällt, sich zu erinnern, hatten mein Deutscher Pinscher Rüde und ich eine wirklich turbulente und chaotische Anfangszeit, die fast 2 Jahre andauerte.

 

Mein Bedürfnis vom Futter, von der Auswahl des Hundes bis zum strengen Trainingsplan, alles richtig zu machen, führten mich quasi ab Tag 1 nach Einzug von Tino in eine regional bekannte Hundeschule.

 

Entsprechend meines Charakters machte ich keine halben Sachen und dank der scheinbar allgemeingültigen Meinung, je konsequenter man mit seinem Hund, speziell dieser Rasse, sein sollte, nahm das Unheil  seinen Lauf.

 

Mein Hund durfte gar nichts, ihm wurde nur erlaubt. Und meine 1:1 Umsetzung der durch die damaligen Trainer empfohlenen Herangehensweise und meiner vielen Lektüre unterschiedlicher Trainingsansätze und der trotzdem ausbleibenden Fortschritte, ja sogar der Rückschritte, konnte keiner wirklich zu meiner Zufriedenheit erläutern. Vielmehr gab es nur die Devise: mehr Training, noch mehr Strenge, mehr Auslastung, mehr Kontrolle.

Ein Mantra, womit sich die Schlinge des Unwohlsein in mir weiter zuzog.

 

Dieses Gefühl der Ohnmacht wuchs proportional zum Lob der Trainer und meiner Umwelt, wie wunderbar ICH das alles anwandte. Und tatsächlich empfand ich mich als äußerst streng und konsequent. Desto weniger verstand ich, warum Tino sich gefühlt und letztlich räumlich immer weiter von mir entfernte.

Die konventionell propagierte „liebevolle Strenge“, die ich anwandte, brachten immer mehr Ausbrüche in Tino hervor.

 

Ableinen und sich den erstbesten anderen Hund im Park vorknöpfen, auch wenn dieser 100m und mehr entfernt war, waren quasi ein gesetztes Muster. Jedes zurück gehen auf 0, Schleppleinentraining mit Superleckerlis, „hündische Kommunikation“ durch körpersprachliche Blockaden an der Leine und beim Zusammentreffen mit anderen Hunden, mehr körperliche und geistige Auslastungsversuche führten sowohl beim Hund als auch bei mir zu Irritation und Genervtheit. Ein entspanntes an der Leine laufen, war trotz täglichem konventionellen Trainings die ersten 2 Jahre seines Lebens quasi gar nicht möglich.

 

Tinos Verhalten wurde immer extremer und so fing ich an zu „managen“. Territorien, Räume, Ressourcen. Und mit jeder Grenze, die ich versuchte durchzusetzen, jede Situation, in der ich sein Verhalten, wie von mir gewollt, herbei führen wollte, erzeugte direkt oder zu einem späteren Zeitpunkt eine heftigere Abwehrhaltung von Tino. Heute kann ich sagen, dass ich ihm da bereits einen gewissen Planungswillen unterstellte, weswegen einige Überlegungen bei STOP für mich keinen Stoß vor den Kopf sondern eher einen plumpsenden Stein vom Herzen darstellten.

 

Ulvs erste Worte nach meinen Schilderungen werde ich darum auch nie vergessen: „Das ist ein sehr intelligenter Hund und das sind alles Dinge, die nicht für immer so sein müssen.“

 

Das erste Mal sagte mir jemand nicht, dass ich mir halt die falsche Rasse für meine Wohnverhältnisse oder den Falschen aus dem Wurf ausgesucht hätte oder dass mein Timing wohl schlecht sei oder meine Leckerlis zu wenig Fleischanteil hätten.

 

Glauben wollte ich das zwar erst nicht - denn dies hieß ja, dass ich mich wohl geirrt hatte, in dem wie ich die ganze Sache mit der „Erziehung“ angegangen war.

 

Nach 2 Jahren intensivsten Training des Hundes, vieler Trainingsstunden, Rüpelseminare konnte ich aber nicht von der Hand weisen, dass ich einen unberechenbaren Hund hatte, der vor dem Einsatz seiner Zähne im selbstgesuchten Konflikt mit Artgenossen nicht zurück schreckte, so unruhig war, dass er nicht alleine zu Hause sein konnte und auch anfing die Menschen, die ihn in unterschiedlichsten Weisen maßregelten (mich und die Trainer) entweder völlig links liegen zu lassen oder auch hier anfing deutliche Drohgebärden zu nutzen, wenn es ihm zu bunt wurde. Egal wer es bei ihm versuchte (sowohl positiv als auch negativ „verstärkt") - sein Willen sich zu fügen oder gar unterzuordnen, nahm mit zunehmenden Training und seinem Alter ab.

 

Heute kann ich ihn allerdings nur zu gut verstehen und schäme mich dafür, mir das alles mit mangelndem „Gehorsam“ (v)erklären zu lassen.

 

Aber ich bin auch froh, dass ich letztlich an diesen Punkt, von meinem absolut intelligenten und nicht genügsamen Hund geführt wurde - denn ohne die Hilflosigkeit und die verdächtig wiederkehrenden Ausreden, die mir damals als absolute Wahrheiten eingetrichtert wurden („Pubertät“, „Alter“, „Rasse“, „Territorialtrieb“, „vorhandene Geschlechtsteile“), wäre ich nicht irgendwann ins Grübeln gekommen, ob dieser Weg der richtige ist, nur weil ihn (fast) alle gehen.

 

Durch Zufall sah ich 2016 dann das Interview von Ulv im NDR und war direkt fasziniert, auch wenn ich eigentlich nichts verstand von dem was er da erzählte. Widersprach er doch ziemlich vielem von dem was ich bis dahin alles geglaubt und mit besten Wissen und Gewissen umgesetzt hatte.

 

Ein bisschen Zeit verging und durch einen erneuten Zufall kam ich durch meine damalige Trainerin wieder in Berührung mit Ulv und dem Stop Konzept.

 

Ich las Dogmanagent, fing an mit befreundeten Haltern zu diskutieren und manches erschien mit direkt logisch, anderes WOLLTE ich nicht glauben. Es kratze an meinem Ego, dass ich anscheinend leichtgläubig in so viele Denkfehler getappt war und vorgekaute Infos einfach geschluckt hatte.

 

Das weckte das Gefühl in mir, endlich mehr erfahren zu wollen, denn eigentlich bin ich nicht der „Herdentyp“, der etwas hinterherrennt, nur weil es alle machen. Als Säugetier, dass nach Sicherheit und Rückhalt innerhalb einer sozialen Gruppe strebt, konnte ich mich davon wohl aber nicht komplett frei machen. Auch in diesem Sinne habe ich bei Stop am meisten wohl über mich selber gelernt: Angewohnheiten und Denkmuster sind nichts unumstößliches.

 

Schließlich gab ich meiner Neugier nach, da ich auch an Hand der wenigen praktischen Ansätze die ich bis dato aufgeschnappt hatte, nicht weiter kam und so nahm ich die erste Doppelstunde bei Ulv im Lippetal.

Und selbst da ich dachte, einiges schon vorab durchschaut zu haben, fühlte ich mich abermals ertappt und nach der Stunde rauchte mein Kopf. Aber mir war auch eine Sache direkt klar: so wie ich bisher den Hund und meinen Umgang gesehen hatte; ihn als trieb- und hormongesteuerten Flegel zu sehen, der höchstens noch gemanaged werden konnte und dem ich immer einen Schritt voraus sein musste, war nicht mehr trag- noch umsetzbar.

 

Ich musste mich ändern, aber dazu reichten nicht 3x10 Minuten Training und mind. 1 1/2 Stunden Auslauf im Wald und die ständige Kontrolle des Hundes.

 

Durch die wirklich logischen und einfach umzusetzenden praktischen Schritte und die immer hilfsbreite Betreuung stellte ich dann schon zu Beginn mit Verwunderung fest, wie mein Hund eigentlich wirklich war, wenn ich ihn selber denken ließ. Sein Wille eigene Wege zu gehen, was ich früher, grade unter Kennern der Rasse, immer als Problem wahrnahm, entpuppte sich innerhalb von STOP als absoluter Vorteil.

 

Denn Tino war und ist ein sehr einfallsreicher und ungeduldiger Hund, der schnell verstehen will, wie er weiter kommt - endlich durfte er von sich aus zeigen, was er kann und mit der Zeit orientierte sich dadurch ganz von allein immer mehr an mir.

 

Auch wenn das Konzept in erster Linie für uns Menschen gedacht ist und einem gedanklich grade zu Beginn einiges abverlangt, ist eines in diesem Zuge wirklich am bemerkenswertesten: es macht unfassbar Spaß! Es ist ein grandioses Gefühl, wenn man sieht, wie sich der Hund mit der Zeit immer mehr einbringen, dabei sein und gefallen möchte und die gemeinsame Zeit eine wirkliche Wertsteigerung erfährt. Die praktische Umsetzung habe ich letztlich gar nicht, wie zuvor im konventionellen Training als „Übungseinheiten“ in Abgrenzung an den Alltag gesehen.

Das Vorleben des eigenen konstanten Verhaltens wird irgendwann zur Selbstverständlichkeit - was wirklich jeder Hund dankend annimmt.

 

Als Abschluss würde ich gerne betonen, dass mich besonders die immer ganz individuellen Ratschläge, die immer gesprächsbereite Art der Beiden, auf jede meiner noch so wiederholten Zweifel und Fragen eine gemeinsame Antwort zu finden, in der ganzen Zeit sehr beeindruckt haben.

 

Man eckt sicherlich mit den neu gewonnen Ansichten hier und da an und die Leute fühlen sich auf den Schlips getreten, wenn sie versuchen Ihre konventionellen Ansätze mit dem abzugleichen, was Tino und mich zu einem wahrhaft verlässlichen Team hat werden lassen. Denn die Verantwortung, wenn ein Hund sich und andere gefährdet liegt immer an den Menschen, die sich weigern den Hund auf Augenhöhe wahrzunehmen, da viele Leute das wohl als Herabstufung ihrer selbst wahrnehmen, das Gegenteil ist aber er Fall.

 

Das anzunehmen ist vielleicht unbequem aber jede Gehirnwindung, die ich strapazieren musste, hat sich gelohnt um meine gedanklichen Knoten zu lösen und endlich ein verlässlicher Bezug für meinen Hund zu werden. Und dass alles ohne Kommandos, Grenzen, verstellte Körpersprache, Leckerlis und Gewalt.

 

Hätte man mir vor 2 Jahren gesagt, ich würde entspannt mit meinem „intakten“ Rüden, einer „Problemrasse“ an „Territorial-Konkurrenz“ vorbei gehen können, ich hätte demjenigen den Vogel gezeigt.

 

STOP war für mich damals einfach ein weiterer Versuch meinen Hund gehändelt und abrufbar zu bekommen - was einem aber erst nach Durchlaufen des Konzepts wirklich bewusst wird, ist dass die Prioritäten sich komplett verschieben, weil einem zuvor gar nicht bewusst war, welche Qualität in der Beziehung zum Hund eigentlich erreicht werden kann. Dass man einen absolut verlässlichen Rückruf an die Hand bekommt, den man quasi nie braucht, ist da fast nur ein netter Nebeneffekt.

 

Das Ergebnis auch unter höchster Belastung (ehemalige Panikmomente vor Feuerwerk, Flatterband, schreienden Kindern) immer der erste Bezugspunkt für den Hund zu sein und ich ihn inzwischen überall ab- und vor allem anleinen kann (was zuvor in absolute Katz/Maus-Spielchen ausgeartet ist und ich oft nahe am Nervenzusammenbruch einige Meter vor ihm bettelnd, lockend, drohend, weglaufend, geturnt habe um überhaupt an ihn heran zu kommen.), ist mittlerweile wunderbare Selbstverständlichkeit.

 

Danke Maren und Ulv!

 

Marit und Tino, Hamburg